Dr. Jörg Wurzer von Volla Phone im Interview: Wie Volla ein alternatives Ökosystem ohne Google aufbaut

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Datenschutz als Konzept

Dr. Jörg Wurzer / Bild: Volla Phone

Volla positioniert sich als Alternative zu den großen Smartphone-Ökosystemen. Was war die ursprüngliche Idee hinter der Gründung des Unternehmens?

Zwei Beobachtungen haben mich inspiriert und motiviert. Moderne Smartphones beanspruchen viel Zeit und Aufmerksamkeit der Anwender. Ihre Komplexität nimmt immer weiter zu. Und: Moderne Smartphones sammeln persönliche Daten, ohne dass Anwender eine dauerhafte Verbindung mit den Rechenzentren von Apple oder Google verhindern können. Es war Zeit für etwas Neues.

So kam ich auf die Idee, Smartphones mit einem alternativen Betriebssystem zu entwickeln. Eine aufgeräumte Benutzeroberfläche mit intelligenten Funktionen hält mit seiner Einfachheit den Kopf frei und schenkt Zeit, statt sie zu nehmen. Und ein von Google bereinigtes Android ermöglicht kompromisslose Selbstbestimmung über persönliche Daten.

Viele Nutzer sind stark in bestehende Plattformen eingebunden. Wie schwierig ist es, hier echte Alternativen zu etablieren?

Wir erleben eine sprunghaft wachsende Nachfrage nach Einfachheit und Sicherheit. Volla OS basiert auf Android, sodass bisher verwendete Apps weiterhin genutzt werden können. Ähnliches gilt für iOS-Nutzer, denn die meisten iOS Apps gibt es auch für Android. Die Apps gibt es aus dem Aurora Store, der eine anonyme und sichere Installation von Apps aus dem Play Store ermöglicht und zugleich für jede App eine nützliche Bewertung des Datenschutzes liefert. Als weitere Quelle dient F-Droid. Dort sind für die meisten Anwendungsfälle des Alltags quelloffene Alternativen zu finden.

Das neue Bedienungskonzept mit dem „Sprungbrett“ als Home Screen ist in wenigen Minuten zu verstehen. Nach dem ersten Start bietet Volla OS eine kurze interaktive Einführung an. Das Betriebssystem kann aber auch ganz klassisch mit einer Übersicht der installierten Apps verwendet werden, die automatisch gruppiert wird.

Nicht zuletzt bieten wir neben Android auch die mobile Linux-Distribution Ubuntu Touch an. Es ist ein minimalistisches Betriebssystem, das perfekt für all diejenigen ist, die bereits mit Ubuntu auf einem Laptop oder PC arbeiten. Sie finden sich mit Ubuntu Touch in der gleichen Welt wieder.

Ihre Geräte kommen ohne Google-Dienste aus. Was bedeutet dieser Ansatz konkret für Nutzer im Alltag?

Das bedeutet zunächst mehr Selbstbestimmung über die eigenen Daten und damit der Privatsphäre und Cyber-Sicherheit. Google Apps haben wir durch quelloffene Alternativen ersetzt, die nur das tun, was Sie vorgeben zu tun, ohne dass persönliche Daten das Gerät verlassen und ohne Zustimmung des Anwenders ausgewertet werden.

Es gibt einige Apps aus dem Play Store, die auf Google Play Dienste angewiesen sind, weil sie zum Beispiel Push-Benachrichtigungen von Google verwenden. Für diesen Fall bietet Volla OS die Aktivierung von microG an, ein quelloffener Ersatz. Damit können dann auch die Push-Benachrichtigungen von Google verwendet werden. Der Sicherheitsmodus von Volla OS erlaubt Anwendern, solche Apps aus
Sicherheitsgründen vollständig zu blockieren, wenn sie nicht genutzt werden.

Das Volla Phone Quintus kombiniert ein XL-Display mit moderner Hardware.
Bild: Volla Phone

Mit der Volla Cloud verfolgen Sie einen dezentralen Ansatz ohne klassisches Rechenzentrum. Worin liegen die Vorteile für Nutzer?

Wir bieten damit vollständige digitale Souveränität. Die erste Anwendung, die die Volla Cloud nutzt, ist die Volla Messages App. Sie stellt ein unabhängiges, verschlüsseltes Netz für jeden Kontakt und jede Gruppe her. Die Kommunikation legen wir in die Hände derjenigen, die miteinander in Kontakt treten und Nachrichten austauschen. Sichere Audio- und Videokonferenzen werden auf diese Weise möglich.

Vielen Anwendern eines Smartphones ist nicht klar, dass wir in den populären Messengern unsere Nachricht nicht an einen Freund oder ein Familienmitglied senden, sondern an ein Rechenzentrum und erst das Rechenzentrum leitet die Nachricht weiter. Dort ist dann auch die gesamte Kommunikation gespeichert und wird dort ausgewertet, im harmlosesten Fall für Profilbildung oder Werbung.

Wir arbeiten bereits an einer weiteren App, die eine verteilte Datensicherung ermöglicht, um diese wiederherzustellen, wenn mein Smartphone einmal defekt ist oder gestohlen wird.

Open Source gilt für viele als wichtiger Baustein digitaler Unabhängigkeit. Welche Bedeutung hat dieser Ansatz für die Zukunft mobiler Betriebssysteme?

Ohne Open Source Software, auf die wir aufbauen können, wäre ein solch komplexes Produkt wie ein mobiles Betriebssystem nicht möglich. Zugleich bietet Open Source Transparenz und Überprüfbarkeit dessen, was eine Software wirklich macht. Deshalb habe ich mich entschlossen, den Quellcode von Volla OS und unserer eigenen Apps ebenfalls zu veröffentlichen.

Ein weiterer Vorteil ist nicht zu unterschätzen. Seit unserem ersten Smartphone, das wir auf den Markt gebracht haben, entwickeln wir unsere Produkte für und mit unseren Anwendern. Wir sind nicht nur mit Crowdfunding gestartet. Unsere Anwender bringen Ideen mit, helfen uns bei Beta-Tests und tragen sogar zur Entwicklung oder Übersetzung bei.

KI-Funktionen werden auf Smartphones immer präsenter. Wie lässt sich dieser Trend mit dem Anspruch auf Datenschutz vereinbaren?

Auch wir verwenden KI, aber ohne, dass sie den Anwender bevormundet oder dazu verleitet, das eigene Denken aufzugeben. Deshalb nennen wir sie unterstützende Intelligenz (supportive intelligence). Dazu gehören die Sprachsynthese, die Spracherkennung oder das intelligente Textfeld des Sprungbretts. Es erahnt während der Eingabe, was der Anwender tun will und schlägt eine Autovervollständigung oder passende Funktionen vor: einen Anruf tätigen, eine Nachricht senden, einen Termin eintragen und vieles mehr.

Entscheidend für den Schutz der Privatsphäre und persönlicher Daten ist, dass die KI ausschließlich lokal auf dem Gerät ausgeführt wird. Dafür nutzen wir eine Kombination leichtgewichtiger Verfahren, eine optimierte Programmierung in C++, eigens trainierte Modelle und die Verlagerung der Ausführung von der CPU auf die GPU. Unser jüngst angekündigtes Smartphone Modell Volla Phone Plinius verwendet sogar eine NPU, die wir für ein LLM nutzen können. Wir haben noch viel vor.